Donnerstag, 21. März 2013

Schwarzer Freitag - Freitag, 15. Februar 2013

Das Telefon klingelte. Mühsam realisierte Lars, dass er im Hotel war und es sich beim Klingeln des Telefons um den Weckservice handelte. Er nahm den Hörer ab und ließ ihn wieder auf die Gabel fallen. Was für eine Nacht. Bis 4 Uhr morgens hatte er an der Hotelbar durchgezecht, dann war er dem freundlichen, aber bestimmten Hinweis des Barkeepers gefolgt, dass es an der Zeit sei, ins Bett zu gehen. Er war der letzte Gast gewesen und hatte dem Mann sein Leid geklagt. Wie erbärmlich eigentlich. Trotzdem hatte es ihm in diesem Moment gut getan. Als er auf seinem Zimmer war, hatte er sein Handy genommen und bei Charlotte angerufen. Er hatte ihr sagen wollen, wie sehr er sie liebte und dass er sie vermisste. An die Uhrzeit hatte er in diesem Moment keinen Gedanken verschwendet. Aber sie war ohnehin nicht an ihr Handy gegangen. Vermutlich hatte sie geschlafen und es war auf lautlos gewesen. Wenigstens hatte er nicht auf ihrem Festnetz angerufen und sie auch noch aus dem Bett gejagt. Er schämte sich beim Gedanken an seinen Zustand. Er musste sich wirklich zusammenreißen. Noch nie war er der Typ für Liebeskummer gewesen, da brauchte er als erwachsener und gestandener Mann nicht damit anfangen. Er würde alles in Ordnung bringen und mit Charlotte glücklich werden. Wenn er nur wüsste, was er mit Ute machen sollte. Beim Gedanken an ihr Zusammentreffen gleich wurde ihm noch übler, als es ihm durch seinen Kater ohnehin schon war.
Er empfand nichts, wenn er an sie dachte. Da waren keinerlei Gefühle mehr, einfach nur Leere. Wahrscheinlich hatte er sie nie wirklich geliebt, aber er glaubte, dass diese Gleichgültigkeit, die er gerade gegenüber seiner schwangeren Frau empfand vielleicht noch viel schlimmer war, als wenn er irgendwelche negativen Gefühle für sie hegen würde. Sie war ihm egal, er wollte sich nicht mit ihr beschäftigen müssen und er wollte auch dieses Kind nicht. Er fragte sich, ob er wohl überhaupt richtige Vatergefühle für das Kind würde empfinden können. Hoffentlich wurde es ein Junge, der ihm ähnelte. Er glaubte, damit besser umgehen zu können, als wenn dieses ungewollte Kind auch noch eine Miniaturausgabe seiner Mutter wurde. Gleichzeitig schämte er sich für derlei Gedanken. Das Kind konnte nichts dafür und schließlich war es sein eigen Fleisch und Blut, also hatte er auch einen Grund, stolz darauf zu sein und würde es hoffentlich entsprechend behandeln können. Hoffentlich...
Er griff nach seinem Handy und hegte insgeheim die Hoffnung, Charlotte habe vielleicht auf den verpassten Anruf von ihm reagiert. Natürlich hatte sie es nicht. Stattdessen sah er fünf Anrufe in Abwesenheit von Ute und zwei SMS. In der ersten hatte sie gestern Abend noch geschrieben, wo er die Nacht verbringen würde und in der zweiten hatte sie vor einer halben Stunde gefragt, wann sie mit ihm rechnen könne, sie habe nachher noch einen Frauenarzttermin.
Ein Frauenarzttermin. Er fragte sich, was sie ihm damit sagen wollte. Wollte sie etwa, dass er mitkam? Vor seinem inneren Auge liefen typische Schwangerschaftsfernsehszenen von Paaren beim gemeinsamen Hechelkurs ab. Er war sich sicher, von genau solchen Sachen träumte Ute. Aber nicht mit ihm. Er würde sie zwar während der Schwangerschaft nicht verlassen, aber sie brauchte auch nicht glauben, dass er seine Vaterfreuden beim gemeinsamen Ultraschallgucken oder Synchronhecheln ausleben würde. Wie grauenvoll. Ute würde mit Sicherheit so eine Übermutter, eine Glucke, die wahrscheinlich schon während der Schwangerschaft einen Elternratgeber nach dem anderen lesen würde. Er konnte das alles nicht aushalten. Hoffentlich hatte sie nicht bereits jetzt die ganze Wohnung mit irgendwelchen Babysachen zugepflastert.
Er beschloss, erst am Abend nach Hause zu fahren, damit erst gar nicht die Möglichkeit gegeben war, dass sie ihn fragen konnte, ob er sie zum Frauenarzt begleitete. Er wollte so wenig wie möglich mit dieser Schwangerschaft konfrontiert werden.

*****

Voller Enthusiasmus machte Ute sich auf den Weg zur Frauenärztin. Selbst Lars' Verhalten konnte ihre Laune heute kaum trüben. Natürlich hatte es sie belastet, dass er einfach nicht erschienen war gestern und sie war überzeugt davon, dass er die Nacht bei Charlotte verbracht hatte, aber das würde sich alles ändern. Ihre Periode war weiterhin überfällig und so war sie inzwischen mehr als guten Mutes, dass ihre Ärztin ihr gleich gratulieren würde. Vielleicht konnte sie Lars nachher, wenn er endlich kam, bereits das erste Ultraschallbild ihres Schatzes zeigen. Sie hatte keine Ahnung, wie früh in der Schwangerschaft so etwas möglich war, aber wenn die Frauenärztin sehen konnte, dass sie schwanger war, würde sie ihr bestimmt irgendetwas mitgeben können, was sie Lars präsentieren konnte. Sie war zwar nicht überzeugt, dass ein kleiner Punkt auf einem Schwarz-Weiß-Bild bereits Vatergefühle in ihm auslösen würde, aber irgendetwas würde es sicher in ihm bewegen. Strahlend betrat sie die Praxis.

"Und Sie sagten, Sie sind überfällig?"
"Ja, schon ganz lange.", Ute strahlte. "Zumindest für meine Verhältnisse."
"Na dann wollen wir mal schauen."

Ute nahm auf dem Stuhl Platz und ihre Ärztin begann mit der Untersuchung. Gebannt starrte Ute abwechselnd auf den Bildschirm und in das Gesicht ihrer Ärztin. Konzentriert führte sie den Ultraschall durch. Plötzlich veränderte sich ihr Gesichtsausdruck und sie sah Ute an.

"Sehen Sie das hier?"
"Ja.", sagte Ute erwartungsfroh, aber der Gesichtsausdruck der Ärztin irritierte sie.
"Es tut mir leid. Wir sehen hier den Grund warum Ihre Tage sehr wahrscheinlich momentan ausbleiben. Das ist eine Zyste. Schwanger sind Sie definitiv nicht.

Ute wurde schwarz vor Augen.

Kommentare:

  1. Uff. Ich bin erleichtert!
    Ich hoffe, Ute wird es irgendwann auch sein und realisieren, dass ihr ein Kind Lars auch nicht zurückgebracht hätte.
    Jetzt stellt sich die Frage, ob Ute die Wahrheit sagen wird oder nicht. So eine vorgespielte Schwangerschaft mit einem frühzeitigen tragischen Ende könnte den Mann ja vielleicht auch zurückbringen...

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    1. Ja, wer weiß. Viel Zeit sich zu erholen und sich eine Taktik auszudenken wird sie ja nicht haben, bis Lars abends kommt.

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